Der Reiz des Unscheinbaren

Die Photos und Texte in diesem Buch versuchen, dem ästhetischen Prinzip des Wabi-Sabi zu entsprechen.
Wabi-Sabi ist ein dem Zen-Buddhismus verpflichtetes Schönheitsideal, das seit dem 15. Jahrhundert in Japan zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. Es gilt hier, Schönheit im Unauffälligen, Vergänglichen, Verfallenden, auch Zerstörten zu finden. Nicht die Dinge im strahlenden Licht der Sonne, in großer Farbenpracht, sollen betrachtet werden, sondern die im Zwielicht, in der Dämmerung, im Schatten.
Die hier zusammengestellten Bilder erheben nicht den Anspruch auf umfassende charakteristische Konzepte, die ausschließlich den spirituellen Prinzipien des Zen-Buddhismus verpflichtet sind. Sie folgen vielmehr einzelnen seiner Aspekte. Sie zeigen eine Haltung, eine Art und Weise, Dinge wahrzunehmen, zu erleben und zu photographieren.
Das Photographieren selbst entwickelt sich zu einer Übung der Achtsamkeit, der erhöhten Aufmerksamkeit sich selbst und dem Umfeld gegenüber. Sich daraus entwickelnde Freude und Gelassenheit korrespondieren mit Zen.
Meine Photos sollen dazu einladen, unscheinbare Dinge des Alltäglichen nicht zu übersehen, sondern sie wahrzunehmen. Sie können die Vergänglichkeit des Seins verdeutlichen, eine ganz spezifische Art von Schönheit. Das, was schnell zu übersehen ist, kann in seiner Selbstgenügsamkeit und Einfachheit eine unprätentiöse Präsenz vermitteln, die hohe Wertigkeit besitzt. (Tamara Wahby)

Die Form der Texte ist der Versuch, sich dem Haiku anzunähern, soweit das in deutscher Sprache möglich ist. Das Haiku ist eine japanische Gedichtform, die seit dem 13. Jahrhundert in Erscheinung tritt. Es besteht aus drei „Zeilen“ mit je fünf, sieben und fünf „Silben“. Japanische Wörter sind im Algemeinen einsilbig, deshalb werden kurz oder lang gesprochene Vokale (Moren) gezählt. Im europäischen Sprachraum ist das nicht möglich, hier wird mit Betonungen gearbeitet.
Die Sprache ist aufgrund der Notwendigkeit, dem vorgegebenen Modell des Haiku zu entsprechen, eher nicht die Sprache des Alltags. Sich in so großer Kürze auszudrücken und gleichzeitig dem Gegenstand, dem Inhalt und der Aussage des Photos gerecht zu werden, erwies sich als sehr schwierig. Unter Zugrundelegung eines Prinzips des Zen: Akzeptanz und Kontemplation der Unvollkommenheit, der Unbeständigkeit der Dinge – sollten Sie sich ermutigt fühlen, eigene Worte für das zu finden, was Sie auf den Photos sehen. Um mit Richard R. Powell, einem Kenner des Zen-Buddhismus abzuschließen:  „….nichts bleibt, nichts ist abgeschlossen, nichts ist perfekt.“ – So auch diese Haikus. (Monika Brühl)

Der Reiz des Unscheinbaren, Lyrik und Photographie, 30 X 30 cm, 96 S., Hardcover