Zeitspuren

Die hier zusammengestellten Photos sind alle nach der Wiedervereinigung Ost- und Westdeutschlands in den Jahren nach 1990 entstanden, zumeist in Sachsen-Anhalt (Osterwieck) und Thüringen (Ellrich, Nordhausen) sowie einige wenige in Mecklenburg-Vorpommern und in Sachsen. Viele der photographisch erkundeten Orte habe ich in den letzten Jahren immer wieder aufgesucht. So handelt es sich bei diesen Bildern um eine Art Spurensuche und -sicherung. Das Thema Zeit/ Zeiterfahrung wird dabei auf unterschiedlichen Ebenen behandelt, zum einen durch das wiederholte Aufsuchen derselben Orte, zum anderen in den Bildern selbst. Die ausgewählten Türen, Fenster oder Wände zeigen in verschieden ablesbaren „Schichten“ einen Ist-Zustand aber auch gleichzeitig einen Zeitraum bzw. geschehende Geschichte. Das Bild friert den Kairos der Zwischenzeit ein und nimmt den Betrachter mit in die Geschichte der Fenster, Häuser und Menschen; Zeit wird visualisiert und damit sinnlich und ästhetisch erfahrbar gemacht: Ein Spiel zwischen Chronos und Kairos.

Das Photo „Kinderreiten“ z.B. ist 2002 in Dresden/ Neustadt entstanden, es zeigt den zugemauerten Übereckeingang eines Gebäudes, das ungefähr vor 130  Jahren im  Stil klassizistischer Strenge der Gründerzeit gebaut worden ist. Anreiz für die Gestaltung von Ecktüren mag die Achsensymmetrie sein, die Werbewirksamkeit in einer ehemals begehrten Geschäftslage, die Aufforderungscharakter für zwei Straßenzüge gleichzeitig garantiert. Das blaue Straßenschild „Louisen-Strasse“ gibt inhaltlich einen Verweis darauf, dass die Hohenzollern-Königin Louise gewürdigt wird, eine moderne Preußin des 18./19.Jahrhunderts; auch die veraltete Schreibweise ermöglicht einen Zeitbezug.  Narben, Schründe und Schmutz haben sich wie Folien der Zeit über die klar gegliederte Putzfassade gelegt. Eine uralte Lampenfassung zeugt von der einstigen Beleuchtung des jetzt zugemauerten Einganges; die Lampe selbst fehlt. Ein aus dem Putz gerissenes Elektrokabel gibt Hinweis auf eine weitere verschwundene Eingangsbeleuchtung, die vielleicht links über der Tür existierte. Das Emblem der FDJ, das noch durchschimmert unter der Übermalung, gibt Hinweis darauf, dass die Freie Deutsche Jugend ehemals in der DDR hier eine Niederlassung hatte. Nun sind Eingang und untere Fenster mit Ziegelsteinen vermauert, ein Zutritt ist unmöglich. Eine weitere Zeit - Folie hat sich über die Backsteine gelegt, bunte Plakate, z. T. wieder abgerissen. Graffiti und Tags und letztendlich „Kinderreiten“ in lockeren, kindlich wirkenden, großen, roten Buchstaben über das FDJ Zeichen gesetzt, verweisen auf die aktuelle Phase des Hauses in der Dresdener Neustadt.
Eine andere Spurensuche belegen die verschwundenen Häuser. Sie existieren nicht mehr. Dennoch haben sich letzte Spuren z.B. auf den Brandmauern der Nachbarhäuser gleichsam festgekrallt.  Reste einst bemalter Zimmerwände, Schichten sich ablösender Tapetenfetzen oder gar Poster zeugen noch von ihnen.
In den neuen Bundesländern finden sich am Beispiel von Geschäfthäusern unzählige Hinweise darauf, dass das Wirtschaftswunder des Westens hier in dieser Weise keine Spuren hinterlassen hat. Das Verlangen im Westen nach riesigen Schaufensterfassaden, Eisenträgerkonstruktionen, die das individuelle Gesicht eines alten Hauses zerstören, um an Verkaufsflächen in Erdgeschossen zu kommen, haben zu einer beliebigen Austauschbarkeit geführt. Ob man durch die Straßen von Göttingen, Hann. Münden oder Einbeck bummelt, es zeigt sich ein ähnliches Bild, und ein bewusstes Betrachten der Hausfassaden macht dies schmerzhaft deutlich, besonders wenn sonntags das Warenangebot nicht den Blick verstellt. Das heißt nicht, dass ein Gang durch ostdeutsche Städtchen nicht weniger schmerzhaft sein kann. Die Ästhetik des Verfalls, die Freude an Morbidem können die Probleme der Realität, des Ist-Zustandes, nicht verdrängen.
Dennoch erinnert ein Gang durch die Straßen an alte Bilderbücher, die von vergangenen Zeiten berichten. Da entdeckt man nun dem Verfall preisgegebene Lädchen, die einst „Eisenwaren“ und „Seilerwaren“  angeboten haben oder „Plisseearbeiten“. Das „Wagen-Lager“ und die „Reparatur-Werkstätte“  in Stralsund haben ihre Dienste für Kutschen angeboten, wie das Wandbild noch belegt. „Nähmaschienen“ schrieb man früher offensichtlich mit „ie“. Der Wunsch nach Pizza lässt in der Zeit nach der Wende die Pizzeria zur Pizzaria werden, nachdem in Vorkriegszeiten nach dem Schrifttypus des Art Deco zu urteilen ein elegantes Café in der Rosmarinstraße in Osterwieck zu finden war. In Stendal gab es eine „Dampf-Bäckerei“ und in der Siechenstraße von Neuruppin, in der man „Schritt fahren“ soll, bot Herr Lindemann Lebensmittel an und warb mit Jugendstilfreskos auf seiner Hauswand für Zigarren, Zigaretten, Spirituosen.
Ein anderes Beispiel ist die Ansicht eines ehemaligen Fleischerladens in Ellrich. Eine elegant gemeinte Jugendstilfassade, ein ursprünglich vergoldeter Rinderkopf, von zwei gekreuzten Beilen flankiert, gleichsam den Eingang krönend, verliehen der einst angepriesenen Ware eine seltsame Überhöhung. Eine später hinzugefügte Grotesk-Schrift der Bauhaus-Zeit lässt einen sachlichen Stil - Bruch folgen. Beide Stadien sind vergangen, das Schaufenster ist vermauert und die Wand selbst wird zum Bildträger einer Decollage. Die plakatierten Versprechungen „Wohlstand für alle“ eines Helmut Kohl, „Kanzler der Einheit“ werden zu einem symbolträchtigen Zeichen. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn Herr Ohl  von der SPD ein Jahr später behauptet „Wort und Tat stimmen“.

Photos sind keine traditionellen Bilder,  sondern technische. Technische Bilder müssen allem Anschein nach nicht entziffert werden, da sich ihre Bedeutung scheinbar automatisch auf ihrer Oberfläche abbildet (vgl. Fingerabdruck), mit anderen Worten beinhalten Photos nicht automatisch abgebildete Welt. Sie bedürfen der Entzifferung. Das Photo ist ein Bild,  über dessen Oberfläche der Blick schweift, um zwischen den Bildelementen magische Relationen herzustellen.  Das Erkennen und die Auseinandersetzung mit diesen magischen Zusammenhängen können dann die Grundlage von Erzählungen werden.
                                                                                                                                                               T. Wahby

Zeitspuren, Din A 4, quer, 26 S. Hardcover